Anekdote 2 vom Ausnahmezustand

Derzeit ist in Spanien alles reglementiert. Es herrschten Ausgangssperre und man darf das Haus nur verlassen, um zum Arzt, in die Apotheke oder zum Lebensmitteleinkauf zu gehen.

Am Supermarkt angekommen, geht die Reglementierung aber weiter. So sorgt z.B. Sicherheitspersonal dafür, dass nur eine bestimmte Anzahl von Kunden in den Markt eingelassen werden.

Daher bildet sich oft eine Schlange von Kunden, die draußen warten, selbstverständlich unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes, was dazu führt, dass die Schlange sehr lang erscheint. Immer wenn ein Kunde den Laden verlassen hat, gewährt der Security Mann einem anderen den Zugang.

Alles geht sehr ruhig und gelassen zu. Aber plötzlich ist ganz Vorne Unruhe zu spüren. Der Wachmann winkt nach hinten und bedeutet dem nun Ersten in der Reihe, dass er ein wenig weichen soll.

Alle Wartenden drehen sich um und erblicken einen sehr betagten Herrn. Ich kenne ihn sogar, es ist Cristobal, er wohnt nur drei Häuser neben mir.

Er ist nicht besonders schnell, er schlurft mit seinen Hausschuhen, die er nicht einmal richtig angezogen hat, an der ganzen Schlange vorbei in Richtung des Wachmanns. Diese nimmt scheinbar an, dass Cristobal nur den Weg findet, wenn er ständig winkt. Es kommt mir tatsächlich ein wenig so vor, als ob er ihn wie an einer unsichtbaren Schnur zu ihm heranzieht.

Zwischenzeitlich haben bereits wieder zwei Kunden den Laden verlassen, aber der Wachmann lässt niemanden aus der Schlange hinein. Nach einer gefühlten halben Stunde, tatsächlich waren es nur drei Minuten, ist Cristobal aber nun am Eingang angekommen und mit einer weiteren ausladenden Geste weist ihm der Wachmann den Weg nach innen und die Warteschlangenpriorität zu.

Kein Murren ging durch die Phalanx der Wartenden. Der Respekt vor dem Alter gehört in Spanien noch zum guten Ton.