Anekdote 1 vom Ausnahmezustand

Jeden Morgen pünktlich um 7:45h geht mein Nachbar, ein mallorquinischer Witwer, Gassi mit seinem Hund, einer Promenadenmischung, die er, wie ich weiß, aus einem Tierheim schon vor Jahren abgeholt hatte.

Offiziell ist es erlaubt, sich beim Gassigehen bis 50 Meter von seinem Zuhause zu entfernen, aber mein Nachbar geht mit seinem Hund deutlich weiter, bis zum Ende der Straße, die in einem Kreisel endet.

Dort setzt sich der Hund direkt vor den Eingang eines Cafés, welches natürlich momentan geschlossen ist, und geht davon aus, dass sein Herrchen verschwindet. Normalerweise trinkt mein Nachbar dort nämlich morgens mit seinen ebenfalls schon sehr betagten Kollegen einen Café Solo, was Touristen gerne als Espresso bezeichnen. Tatsächlich greift diese Bezeichnung besonders in diesem Fall zu kurz, denn neben einem herrlichen frisch gebrühten Kaffee findet sich in der Tasse auch kräftiger Schuss Rum, von dem einheimischen Erzeuger Amazona. Dann heisst das Getränk auch richtig Carajillo.

Nun sitzt der Hund vor dem Café und schaut wie immer auf den Eingang des Cafés, nur sitzt mein Nachbar nun für 20 Minuten hinter dem Hund, der ist nämlich auch schon recht alt, blind und taub, aber seine Instinkte funktionieren noch bestens, so dass mein Nachbar ihm auch nicht aus seiner Routine reißen will.

Schon zweimal hat die Polizei meinen Nachbarn dort auf der Bank angesprochen, was er denn so lange im Freien mache, aber nach der Erklärung sind die Polizisten still weitergegangen.

Ich glaube, sie wussten auch nicht, wie man dem Hund die Situation hätte erklären sollen.